Programm für bürgerschaftliches Engagement und demokratisches Handeln

DOKUMENTATION NAH DRAN:DIGITAL 2021

„Wahrheiten in postfaktischen Zeiten“ - Die Fachtagung des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ NAH DRAN fand in diesem Jahr am 13. und 14. September online statt.

Wahrheiten in postfaktischen Zeiten


Herzlich Willkommen bei der diesjährigen NAH DRAN-Fachtagung!
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NAH DRAN:digital 2021
In den vergangenen Jahren haben sich verdrehte Fakten, Desinformationen und - nicht zuletzt seit dem Beginn der Pandemie - verstärkt Verschwörungserzählungen den Weg durch den digitalen Raum mitten in unsere Gesellschaft gebahnt. Unter dem Motto „Wahrheiten in postfaktischen Zeiten“ möchten wir fragen: Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Leben wir etwa schon in einer postfaktischen Zeit, in der Fakten und Quellen eigentlich gar nicht mehr zählen oder können sich Wahrheiten doch durchsetzen? Welche Methoden gibt es, um demokratische Potenziale des Internets freizusetzen und den verbreiteten Verschwörungsnarrativen zu begegnen? Gibt es gar Visionen und Gegenentwürfe aus Zivilgesellschaft und politischer Bildung als digitalisierte Gesellschaft das Netz demokratisch zu gestalten? Auf diese Aspekte haben wir in unserer Fachtagung genauer geschaut.


Tagungsimpulse und Podiumsdiskussion


Mit kurzen Impulsvorträgen stellten Ingrid Brodnig, Journalistin und Buchautorin, Tom Mannewitz, Professor für politischen Extremismus und politische Ideengeschichte, und Carla Hustedt, Leiterin des Bereichs „Digitalisierte Gesellschaft“ bei der Stiftung Mercator, ihre Arbeit bezogen auf unser Tagungsthema vor. Anschließend gab es gemeinsam mit dem Präsidenten der bpb, Thomas Krüger, eine Diskussion, an der sich auch alle Teilnehmenden per Chat-Funktion beteiligen konnten.

NAH DRAN 2021 Podiumsdiskussion
NAH DRAN 2021 Podiumsdiskussion (Breschkai Ferhad, Ingrid Brodnig, Tom Mannewitz, Carla Hustedt, Thomas Krüger)
Ingrid Brodnig berichtete von ihren Recherchen, dass Verschwörungserzählungen oft als Gerede abgetan werden, was sie für eine große Gefahr hält. Die Corona-Krise, als Zeit größerer Anspannung, habe verstärkt dazu geführt, dass die Menschen nach Sicherheit und einfachen Antworten suchen. Diese seien während des Lockdowns ohne „echte“ soziale Kontakte vor allem im Internet gefunden worden und unreflektiert adaptiert worden. Sie betonte die guten Kontrollmechanismen des Gesprächs: „Wir alle sind unser Sicherheitsnetz – wir passen aufeinander auf".
Professor Tom Mannewitz beschäftigte sich mit der Frage, woher das Misstrauen, der Frust und oft sogar die fundamentale Ablehnung des Systems, in dem wir leben, rührt. Er betonte das Thema soziale Radikalisierung auf der persönlichen Ebene: Die Suche nach Überschaubarkeit, Sicherheit und Kontrolle lässt Menschen die Anbindung an soziale Gruppen suchen, die ihnen emotionalen Schutz bieten, Identifikation und Rückhalt. Sein wichtigster Punkt: „Das Entlarven von Inhalten ist nicht schwer, viel wichtiger ist aber die sozialen und psychischen Bedürfnisse der Menschen zu beachten. Wir sollten uns die Frage stellen, wie wir Überschaubarkeit, Rückhalt und Anerkennung für diese unsicheren Menschen herstellen können". Mannewitz hält drei Punkte für essenziell: Zuhören und im Gespräch bleiben; die Person ernst- und wahrnehmen; Fragen stellen und Angebote unterbreiten.
Carla Hustedt befasste sich mit dem digitalen Aspekt des Themas: „Heute können wir als Gesellschaft Dinge tun, die vor 20 Jahren Science Fiction waren – wir sind immer noch im Findungsprozess". Sie betont, dass die digitale Technik werde gut noch schlecht, erst recht nicht neutral ist. Viele Menschen fühlen sich digitalen Technologien ausgeliefert, man dürfe jedoch nie die Verantwortung eines/r jeden Einzelnen unterschätzen. Das Internet bietet eine riesige Reichweite für Desinformationen, aber auch eine Riesenchance auf Wissen zuzugreifen. Wir Menschen müssen im Umgang damit die Kompetenzen erlernen, Falschmeldungen zu erkennen. „Die positive Vision für die digitale Gesellschaft kann ein gemeinwohlorientiertes Ökosystem für uns alle sein.“
Thomas Krüger wies darauf hin, dass sich der Transformationsprozess während der Pandemie zugespitzt hat und die politische Bildung strukturell interdisziplinär arbeitet und sich auch mit politischer Meinungsbildung befasst. Er widmete sich der Frage, wie die bpb helfen kann, kritische Kompetenz/Reflexion im Internet aufzubauen und Transparenz herzustellen. Wichtig sei es, einen Radar für Internetquellen zu erlernen, zu durchschauen, wer hinter digitalen Geschäftsmodellen steckt und davon profitiert.

Die Tagungsimpulse und die Podiumsdiskussion können Sie sich hier noch einmal ansehen:






Workshops und Expertengespräche


Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit sich dem Themenkomplex in Workshops und Expertengesprächen anzunähern – sei es durch Einblicke in die Strategien der Sicherheitsorgane, eine Einführung in den Prozess des Design Thinking oder Haltungstrainings.
Eine Übersicht der angebotenen Formate finden Sie hier.


„Radikalisierungsmaschinen“ - Lesung und Gespräch mit Julia Ebner


Foto Julia Ebner
Radikalisierungsmaschinen, Julia Ebner
Die abendliche Lesung aus dem Buch "Radikalisierungsmaschinen: Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" von und mit Julia Ebner gab Einblicke in die Szene von Extremisten, Fundamentalisten und Verschwörern.

Julia Ebner forscht am Institute for Strategic Dialogue in London zu Online-Extremismus. Sie arbeitet mit zahlreichen Regierungsorganisationen und Polizeiorganen zusammen und ist Online-Extremismus-Beraterin der UN, NATO und der Weltbank. Sie schreibt regelmäßig für den Guardian und die Süddeutsche Zeitung, war unter anderem bei Markus Lanz, den Tagesthemen und dem heute-journal zu Gast. Ihr Buch "Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" war ein SPIEGEL-Bestseller.

Das Buch "Radikalisierungsmaschinen" ist auch im bpb-Shop erhältlich.



Impulse aus der Praxis und Z:T-Werkstatt


Am 2. Tag drehte sich alles um den Austausch der Z:T-Projekte und die Arbeit in den Projekten. Katrin Hünemörder von Mediale Pfade, Luca Thüer & Katharina Matzkeit von Liquid Democracy und Joachim Kirschstein & Ticha Matting von Diskutier Mit Mir stellten Tools für digitale Entscheidungsprozesse und demokratische Beteiligung vor.

Die Z:T-Werkstatt bot den Teilnehmenden im Anschluss die Möglichkeit, in Kleingruppen gemeinsam eine Zwischenbilanz zu ziehen sowie Herausforderungen und Chancen für die Projektarbeit unter Pandemiebedingungen zu reflektieren. Folgenden Themen standen zur Auswahl:

Lernen aus der Krise: Wie verändert Corona unsere Projektarbeit?
  • Politische Bildungsarbeit in der Pandemie
  • Beratungsarbeit in der Pandemie
  • Ankommen der Z:T Projektarbeit im lokalen Nahraum
  • Z:T Veränderungsprozesse und Corona
  • Kommunikation im Verband
  • Ehrenamt motivieren
  • Open Space



Programm



MONTAG 13.09.2021
Ab 09:30 Check-In & Lobbygespräche
10:15 – 10:30 Begrüßung | Lan Böhm, bpb
10:30 – 11:00 Tagungsimpulse von Ingrid Brodnig, Prof. Dr. Tom Mannewitz, Carla Hustedt
11:00 – 12:30 Podiumsdiskussion mit Ingrid Brodnig, Prof. Dr. Tom Mannewitz, Carla Hustedt und Thomas Krüger | Moderation: Breschkai Ferhad
12:30 – 13:30 Mittagspause
13:30 –13:35 Energizer (Landessportverband Schleswig-Holstein)
13:35 – 15:35 Workshops & Expertengespräche
15:35 – 15:40 Kurze Verabschiedung im Plenum
15:40 – 19:30 Pause
19:30 – 20:45 Lesung und Gespräch: „Radikalisierungsmaschinen“ mit Julia Ebner | Moderation: Katharina Tenti, bpb

DIENSTAG 14.09.2021
09:00 – 09:05 Begrüßung
09:05 – 10:00 Vorstellung digitaler Methoden und Ideen aus der Z:T Praxis
10:15 – 10:20 Energizer (Landessportverband Schleswig-Holstein)
10:20 – 11:45 Z:T Werkstatt
11:45 – 12:00 Pause
12:00 – 12:30 Ausblick und Verabschiedung | Lan Böhm, bpb

Das Programm steht hier zum Download (nicht barrierefrei) für Sie bereit: NAH DRAN:digital 2021_Programm (pdf)



Für die Durchführung der Tagung haben wir die virtuelle Tagungsplattform "Venueless“ genutzt, betrieben von der ram.io GmbH mit Sitz in Heidelberg. Falls Sie sich über den technischen Rahmen informieren wollen, finden Sie hier einen ersten Eindruck: https://venueless.org/de/. Die Plattform mit Servern in Deutschland ist DSGVO-konform.