Programm für bürgerschaftliches Engagement und demokratisches Handeln

„Zusammenhalt durch Teilhabe“ ist ein Programm zum Brückenbauen - Dokumentation der Fachtagung NAH DRAN 2017

Mit der dritten Förderperiode 2015/2016 ist das zuvor auf die neuen Länder konzentrierte Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ erweitert worden, bei der 6. Fachtagung Nah dran in Kassel trafen darum erstmals Akteurinnen und Akteure aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen. „Sie haben viel in Bewegung gebracht“, lobte Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus in der Bundeszentrale für politische Bildung, in ihrem Grußwort das Wirken der Haupt- und Ehrenamtlichen in Verbänden und Vereinen. „Sie tragen dazu bei, was die Gesellschaft ausmacht: Engagement, Solidarität, Teilhabe und Vielfalt.“

Positive Bilanz
1.060 Demokratieberater/-innen und Konfliktlotsen sind in den sieben Jahren des Bundesprogramms inzwischen ausgebildet worden. „Es werden noch viele mehr werden“, versprach die Leiterin der Z:T-Regiestelle, Lan Böhm, und belegte mit weiteren Zahlen eine positive Bilanz. 114.000 Menschen besuchten über 4.000 von „Zusammenhalt durch Teilhabe“ geförderte Informations- und Bildungsveranstaltungen – allein die Hälfte davon fanden in der jüngsten Förderperiode statt. Durch die umfassende Beratungsdokumentation sei es inzwischen auch möglich, qualitative Aussagen über die konkreten Maßnahmen zu treffen. Erreichen die Beratungen ihr Ziel, mit welchen Problemen werden sie konfrontiert? Tatsächlich betreffen rund 40% der Fälle die Themen Extremismus, Rassismus, Gewalt und Sexismus. In anderen werden Alltagskonflikte moderiert, aber auch Vernetzung und Partizipation spielen eine wesentliche Rolle. Lan Böhm freut es besonders, dass die abgeschlossenen Beratungen zu zwei Dritteln erfolgreich, viele andere mit einem akzeptablen Kompromiss haben enden können: „Stellen Sie sich vor was passiert, wenn niemand da gewesen wäre?“
Den Wert der wissenschaftlichen Begleitung unterstrich auch Dr. Axel Lubinski, Referatsleiter für Politische Bildung und Prävention im Bundesinnenministerium. Für Präventionsprogramme wie Z:T seien bislang 500 Millionen Euro eingesetzt worden, mit wachsender Tendenz. Die Frage wie sie wirkten, sei darum wichtig: „Die müssen wir beantworten“, erklärte er. „Wir sehen an diesen Fakten, dass das Programm wirkt. Und wir sind dadurch in der Lage, das auch nachzuweisen.“



Intensive Zusammenarbeit mit der BPB
Dr. Lubinski erinnerte an den Start von „Zusammenhalt durch Teilhabe“ 2010, als damit begonnen wurde, den „gesellschaftspolitischen Aktionsraum“ der im ländlichen Raum verankerten Initiativen, Vereine und Verbände systematisch zu stärken. „Wenn es Z:T nicht seit sieben Jahren schon geben würde, müsste man es spätestens jetzt erfinden“, betonte er. „Alle die ich kenne, die mit dem Programm beschäftigt sind, haben Antworten und Lösungen gefunden, haben Wege entwickelt und arbeiten daran, wie sie mit den Möglichkeiten des Programms umgehen und damit einen Mehrwert erreichen können.“
Es sei die Aufgabe politischer Bildung, Wege zu eröffnen, Räume zu gestalten und den Akteuren Instrumente und Methoden an die Hand geben, damit sie weiterhin Brücken bauen können, so Lubinski. Er, wie auch Hanne Wurzel, verwiesen in ihren Beiträgen darauf, dass die Verzahnung politischer Bildungsangebote und Verbandsarbeit durch die Andockung des Bundesprogramms an das „Kompetenzzentrum“ Bundeszentrale für politische Bildung sinn-voll war und auch weiterhin wichtig ist. Mit den Verbänden und Vereinen seien für die bpb Zielgruppen erschlossen worden, die wiederum Möglichkeiten der inhaltlichen Weiterbildung böten. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Familienministerium soll intensiviert, bestehende Schnittstellen wie etwa zum Programm „Demokratie leben!“ ausgebaut und genutzt werden.
„Wir sind vermehrt gefordert, eine merklich an Themen orientierte Auseinandersetzung zu führen, rote Linien aufzuzeigen und uns zu positionieren“, stellte Hanne Wurzel fest. Dr. Lubinski zeigte sich optimistisch: „Wenn genügend Menschen da sind, die sich einer solchen Aufgabe verpflichtet fühlen, dann wird auch Demokratie nach wie vor funktionieren“, erklär-te er und versprach: „Wir werden uns zusammen weiterentwickeln in den nächsten Jahren.“
Die Fachkonferenz NAH DRAN, erstmals von der Regiestelle allein organisiert und umgesetzt, wird weiter entschiedenen Anteil daran haben. Weit über 300 Teilnehmende waren der Einladung „Auf nach Kassel!“ gefolgt. Die Planung der siebenten Auflage beginnt demnächst.


  • Ein Mann hält einen Vortrag.

    Das Einmaleins der Demokratie - Impulsvorträge von Jürgen Wiebicke und Prof. Dr. Sebastian Braun

    Philosoph, Autor und WDR-Radiomoderator der eine, Sportsoziologe, Integrations- und Migrationsforscher und Professor an der Humboldt-Universität der andere – mit der Auswahl ihre Keynote-Sprecher hat die Regiestelle zum Auftakt der Fachkonferenz deutliche Akzente gesetzt. Beide setzen sich, aus jeweils anderer Perspektive, ebenso kritisch wie liebevoll mit aktuellen gesellschaftlichen Prozessen auseinander. Jürgen Wiebicke veröffentlichte zuletzt das Handbuch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“, Dr. Sebastian Braun untersucht bürger-schaftliches Engagement nicht nur in der deutschen Vereinslandschaft und berät u.a. das Bundesfamilienministerium.

  • Ein Mann spricht mit Mikro in der Hand.

    Liebeskummer mit den Menschen - Ein Rundgang über die Fachtagung „NAH DRAN“

    Für viele Teilnehmende war es der Schlüsselmoment: Als Markus Nierth, Theologe und bis vor zwei Jahren beliebter Gemeindebürgermeister von Tröglitz im südlichen Sachsen-Anhalt, auf dem Podium vom Kessel der Angst berichtete, in den er mit seiner Familie geraten war. 50 Asylbewerber/-innen sollten im Dorf untergebracht werden und Nierth hatte seine Mitbürgerinnen und -bürger gebeten, den Ankommenden eine Chance zu geben. In der Folge wurde eine Unterkunft angezündet, es gab wochenlang Aufmärsche von Neonazis, Nierth und seine Familie erhielten nach Morddrohungen Polizeischutz. Das Schlimmste sei aber gewesen, dass sich so viele, die er auf seiner Seite wähnte, abgewendet hätten – insbesondere die Bessersituierten, Ärzte und Geschäftsleute. Wegziehen wollten die Nierths dennoch nicht, Tröglitz sei ihr Zuhause. Seine Frau habe gesagt: „Ich habe Liebeskummer mit den Menschen hier.“