Programm für bürgerschaftliches Engagement und demokratisches Handeln

Praxistest: 10 Regeln für Demokratie-Retter

Jürgen Wiebicke stellt den Programmakteuren von "Zusammenhalt durch Teilhabe" auf der Fachtagung NAH DRAN seine Thesen vor
Jürgen Wiebicke stellt den Programmakteuren von "Zusammenhalt durch Teilhabe" auf der Fachtagung NAH DRAN seine Thesen vor
Die Entscheidung sei noch am Abend nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gefallen, nachdem Jürgen Wiebicke einen ganzen Tag lang „in schockierte Gesichter geblickt und Geschichten von Fassungslosigkeit und Ohnmacht angehört“ habe, begründet der Endfünfziger die Motivation für sein 112 Seiten starkes Buch. Wiebicke plädiert darin für eine Wiederbelebung der Idee, dass man immer einen neuen Anfang machen könne und dass Demokratie immer unfertig sei: „Man kann und muss weiter an ihr bauen.“ Er ruft die vielen Menschen, die besorgt sind um die Demokratie, dazu auf, aus der „Fatalismus-Falle“ herauszukommen und wieder Mut zu schöpfen, dass vor allem das eigene Handeln zählt. Ob ihm das mit seinen zehn Thesen gelingt? Ein Praxistest.
von Susanne Kailitz

Fotos: Sebastian Berger, Christopher Schmid

Die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner:


Nadja Körner leitet bei der AWO Thüringen das Projekt Zukunftschancen, das vom Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ unterstützt wird. Dabei werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so geschult, dass sie unter dem Dach der AWO gegen Rechtsextremismus vorgehen können.

Efe Ural arbeitet für die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg. Der Politikwissenschaftler kümmert sich um das Projekt „DEMO für Demokratie“, das ebenfalls durch das Bundesprogramm gefördert wird und Migrantenorganisationen bei ihrem Einsatz für Demokratie unterstützen möchte.

Markus Nierth ist Theologe und Trauerredner im sachsen-anhaltinischen Tröglitz. Von 2009 bis 2015 war er dort ehrenamtlicher Bürgermeister und legte sein Amt nieder, nachdem er wegen seines Engagements für geflüchtete Menschen massiv angefeindet und bedroht worden war.

1. Liebe deine Stadt! Engagement beginnt im nächsten Umfeld; es ist existentiell, dass wir uns um die Verhältnisse in unserer eigenen Umgebung kümmern und uns mit unserer Stadt identifizieren, denn sie ist der Raum, in dem wir Dinge beeinflussen können.


Efe Ural: Das würde ich so unterschreiben. Die lokale Ebene ist etwa bei der Integration extrem wichtig: die Vereine, die Arbeitgeber, die Stadt. Viele Menschen mit Migrationshintergrund identifizieren sich viel stärker mit der Stadt, in der sie leben als mit dem Land, das ist für sie Heimat, in der sie sich wohlfühlen.

Markus Nierth: Viele klagen, dass durch den Konsumgeist, dem Nachhetzen von beruflichen Erfolg Beziehungen zwischen Menschen zunehmend kälter werden. Wenn der Lebenssinn scheinbar nur darin besteht, mehr Geld und Erfolg zu erlangen, bezahlen wir dafür oft teuer mit dem Tod von Beziehungen, ja geraten in die Hände einer Angstreligion. Zu den gesellschaftlichen Folgen, wenn dieser Zeitgeist des „ich zuerst“ um sich greift gehört dann logischerweise auch das Erstarken eines Rechtspopulismus mit seinem „wir zuerst“. Wenn wir uns auf unsere eigentliche Grundwerte zurückbesinnen – die Würde und den Wert des Anderen, Nächstenliebe, das um einander Kümmern – dann schaffen wir vor Ort eine Gegenkultur zu dieser Egokultur. Vor Ort, in der eigenen Familie, um persönlichen Umfeld, im eigenen Ort beginnt Demokratie: im miteinander auskommen durch Kompromisse finden und gemeinsam statt gegeneinander gestalten.

Nadja Körner: Ganz klar: Veränderung beginnt im direkten Umfeld. Bei der AWO setzen wir darauf, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so zu schulen, dass sie das Wissen darüber haben, wie sie Konflikte im Team oder in der Einrichtung selbst lösen können. Das ist ja häufig das Problem politischer Bildung: dass diejenigen, die sensibilisiert sind für bestimmte Themen, nicht automatisch die Kompetenzen haben, ihr Wissen weiterzugeben. Da wollen wir ansetzen.


2. Sei gelassen im Umgang mit Demokratieverächtern! Populisten setzen darauf, dass sie mit gezielten Provokationen Reaktionen erzielen. Wir sollten uns jedoch nicht zu dauerhafter Empörung anstacheln lassen, sondern gelassen bleiben.


Nierth: Gelassenheit setzt innere Ruhe und Souveränität, Versöhnung mit sich selbst voraus. Wie in jedem zwischenmenschlichen Streit lässt sich dies nicht einfordern, sondern kann jeder nur für sich selbst anstreben. Viel zu oft passiert es, dass Andere einen an viel älteren inneren Wunden kratzen, und es dann viel zu sehr wehtut, um ruhig und sachlich zu bleiben. Aber das Ziel bleibt natürlich: auch unsere Feinde „zu lieben“ im Sinne von „sie zu achten, ihnen ihre Menschenwürde zu lassen, auch wenn Sie sich selbst gerade wie Tiere entblößen“.
Nadja Körner
Nadja Körner

Körner: Für mich gilt in diesem Fall das Motto „Sei hart in der Sache, aber freundlich zu den Menschen.“ Aber man muss natürlich immer abwägen, in welchem Umfeld die Diskussionen geführt werden. Eine Kollegin von mir hat gerade ihren Zahnarzt gewechselt, weil in der Praxis ein rassistischer Spruch auslag. Das ist schwieriger bei Menschen, zu denen man mehr Nähe hat.

Ural: Gelassen zu bleiben ist nicht immer ganz einfach, aber auch nicht unmöglich. Wir haben neulich auf Facebook ein Seminar zu Hate Speech für Ehrenamtliche beworben und das wurde zum Teil sehr aggressiv und beleidigend kommentiert. Als Admin reagiere ich auf so etwas sehr gelassen, mein Vorbild sind da die Berliner Verkehrsbetriebe, die immer sehr schön kommentieren. Wenn man so moderiert, stärkt das auch andere Diskussionsteilnehmende, die sehen, dass sie nicht allein sind. Aber für jemanden, der sich engagieren und etwas Gutes tun will, ist es viel schwieriger, gelassen und ruhig zu bleiben, wenn er so angegriffen wird.

3. Hab keine Angst vor Scheinriesen! Wir sollten Populisten gezielt in den Meinungsstreit einladen und über Sachthemen mit ihnen diskutieren. Dann müssen sie zeigen, was sie außer Provokationen und Sprechblasen zu bieten haben. Es geht um eine inhaltliche Auseinandersetzung.


Körner: Das stimmt. Aber: Häufig geht es Rechtspopulisten nicht um die Diskussion, das erleben wir immer wieder. Bei Veranstaltungen wird dann versucht, gezielt mit Dummheit zu verwirren, in dem alle möglichen Fragen gestellt werden, die nur die Diskussion sprengen sollen. Und ich finde, dem sollte man keine Bühne bieten. Gleichzeitig sehe ich auch, dass viele Engagierte in der politischen Bildung noch nicht fit genug sind, um sich jeder inhaltlichen Auseinandersetzung zu stellen. Da müssen wir besser werden und uns noch besser in unsere Themen einarbeiten und rhetorisch schulen.

Nierth: Ja, das ist in jedem Fall richtig. Aber Argumentieren und Überzeugen auf der rationalen Ebene erreicht eben nur sehr begrenzt das Gegenüber. Denn viele der uns verbittert und voller Wut und Hass entgegenstehenden Menschen werden von ihrem inneren brodelnden Topf der Emotionen gesteuert. Das Feuer darunter sind nicht überwundene Verletzungen ihrer Menschenwürde, ist verdrängte Trauer, wo ihnen Gewalt, Missbrauch oder seelische Verwahrlosung angetan wurde. Das Feuer hinter all dem Frust und Hass sind oft Erfahrungen in der Kindheit, wo Kinder keinen Selbstwert und bedingungslose Liebe geschenkt bekamen, sondern in Gehorsams- oder Leistungsstrukturen von ihrem eigenen Ich entfremdet wurden. Auf dieser Ebene ist unsere Gesellschaft generell schwer verletzt und verunsichert und traut sich deshalb kaum an dieses viel Notwendigere, dem Ursachenbeseitigen von Radikalisierung und Hass, der ja meist aus einem Selbsthass heraus kommt.

Ural: Ja, ich glaube fest daran, dass man immer auf der sachlichen Ebene bleiben muss, auch wenn das nicht einfach ist. Man kann dem Gegenüber sagen: Du hast hier eine Meinung, die finde ich nicht in Ordnung. Lass uns darüber reden. Dabei geht es nicht darum, ob dieser Mensch AfD, SPD, CDU oder Grüne wählt. Gleichzeitig finde ich aber auch, dass es manchmal darum geht, Haltung zu zeigen, wenn es um die Prinzipien der Demokratie und des Grundgesetzes geht. Da halte ich es mit Karl Popper, der gesagt hat, dass wir uns im Namen der Toleranz das Recht vorbehalten sollten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.

4. Packe Probleme nicht in Watte! Wenn Schwierigkeiten nicht klar benannt werden, machen wir uns angreifbar und verhindern Lösungen.


Efe Ural
Efe Ural
Ural: Das stimmt natürlich. Dennoch sehe ich da gerade in der aktuellen Situation auch eine Schieflage: Wenn es im Wahlkampf in 90 Minuten Kanzlerduell allein 50 Minuten um die Flüchtlingsfrage geht, dann halte ich das nicht für richtig. Da wird das ganze Thema polemisiert, um ein paar Prozentpunkte mehr zu bekommen. Man redet wieder nur über die Betroffenen, aber nicht mit ihnen. Und man hat ja gesehen: In Niedersachsen, in denen das Flüchtlingsthema nicht so prominent bespielt wurde und es eines von mehreren Sachthemen war, hat die AfD nicht so viele Stimmen bekommen.

Nierth: Absolut richtig! Ich musste und muss immer noch lernen, Dinge klar zu benennen, die offensichtlich falsch laufen. Da habe ich auch den Fehler gemacht, auch offensichtlich rechtsradikalen Jugendlichen ihre braune Rüstung zu lassen, weil ich es als zu hart empfand, ihnen ihren letzten Schutz zu nehmen. Da muss man lernen zu sagen: Du bist ok, aber was du da sagst und machst ist absoluter Müll. Um Bösartigkeiten klar zu benennen und Menschen auszugrenzen, die zum Destruktiven entschlossen sind und mich ihnen in Konfrontation offen entgegenzustellen, muss man auch eigene innere Ängste überwinden. Gerade uns Ostdeutschen haftet da oft die Angst an: „Wenn ich diese politische Thema so knallhart ausdiskutiere, wird unsere Beziehung drunter leiden.“ Nein! Wir müssen die politisch sachliche Diskussion oft noch erlernen.

Körner: Das ist ganz eindeutig so. Ich sehe es in unserer Organisation: Da gibt es selbstverständlich Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen. Weil es etwa Ungleichbehandlung gibt oder, auch so viele Jahre nach der Wiedervereinigung, noch eine unterschiedliche Bezahlung in Ost und West. Das muss man ansprechen und den Frust auch aushalten. Gleichzeitig muss man auch immer wieder erklären, dass zwar kleine Veränderungen schnell möglich sind, es aber lange dauert, bis so ein großer Tanker, der die AWO ja ist, umsteuern kann.

5. Warte nicht auf den großen Wurf! Veränderung beginnt im Kleinen, wir werden nicht sofort die ganze Welt in Bewegung bringen. Noch fremdeln die etablierten Parteien mit dem Bürgerengagement von unten, hier braucht es eine Annäherung.


Körner: Das unterschreibe ich. Ich finde es auch sehr wichtig, dass man den Rechtspopulisten nicht die Hoheit über bestimmte Themen überlässt. Die Parteien haben alle blinde Flecken, wenn es um bestimmte Themen geht. Wenn ich dann sehe, dass am rechten Rand versucht wird, Themen zu besetzen, dann spreche ich das bei denen an. Das wird in der Regel auch sehr gut aufgenommen. Man darf nicht darauf warten, dass die Dinge von allein geschehen oder die anderen sich schon kümmern.

Ural: Absolut! Im Türkischen gibt es schönes Sprichwort: Aus Tropfen wird ein See. Ganz häufig sind es die kleinen Dinge, die zum Modell für viele andere werden und etwas bewirken. In Stuttgart gibt es etwa die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten, bei der darauf geachtet wird, dass die Menschen in der ganzen Stadt verteilt werden, damit sie dort mit den Einheimischen zusammenkommen und keine getrennten Communities entstehen. Dieses Modell wird jetzt bundesweit von vielen übernommen - genau das ist der Gedanke.

Nierth: Demokratie lebt von den vielen einzelnen engagierten Herzen. Wir leben in einer orientierungslosen, tief verunsicherten Zeit und viele Menschen haben eine Ahnung von den großen Veränderungen, die noch anstehen. Deshalb ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, Politikerinnen und Politiker zu unterstützen und sich gleichzeitig selbst zu engagieren. Die Politik wird die riesigen Aufgaben, die auf uns zukommen, nur mit Verständnis und Unterstützung einer breiten Basis angehen können. Jeder seinen Part leisten – wie bei einem großen Segelschiff, das in einen dicken Sturm kommt. Die Zeiten des Schönwettersegelns, bei dem die Kapitänin auch noch den Steuermann ersetzen konnte und kaum Matrosen brauchte, sind längst in diesen stürmischen Zeiten vorbei.
Interview mit Markus Nierth bei der Fachtagung NAH DRAN