Programm für bürgerschaftliches Engagement und demokratisches Handeln

Für ein gutes Miteinander

Text und Fotos: Katharina Müller-Güldemeister

Um das Miteinander in Friedrichroda zu stärken, nimmt Anna Bley am Projekt „ZukunftsChancen“ im AWO Landesverband Thüringen teil. Es wird vom Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ gefördert und bildet Menschen zu Multiplikator*innen aus, die sich in Verbänden oder Vereinen gegen Rechtsextremismus und menschenfeindliche Einstellungen einsetzen.

Nadja Körner, Anna Bley und Laura Kleb vom AWO Landesverband Thüringen
Nadja Körner, Anna Bley und Laura Kleb vom AWO Landesverband Thüringen
Wenn sich Anna Bley als Quartiersmanagerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) vorstellt, erntet sie oft fragende Blicke. Mittlerweile schiebt die 27-jährige studierte Gesundheitsmanagerin dann mit einem Lächeln hinterher, dass sie das Miteinander in Friedrichroda stärken will. Friedrichroda ist eine Kurstadt im Landkreis Gotha mit rund 7600 Einwohnenden.

Diese Aufgabe kann sich sehr unterschiedlich gestalten. In der Praxis sieht Bleys Arbeit zum Beispiel so aus, dass sie zum bundesweiten Aktionstag der AWO „Gegen Rassismus“ mit Bewohner*innen der örtlichen Senior*innenwohngemeinschaft erarbeitet, was Rassismus eigentlich ist und mit ihnen sammelt, warum sie diese Einstellung ablehnen. Eine Frau erzählte bei diesem Anlass, dass sie am Ende des 2. Weltkriegs selbst flüchten musste und auf die Solidarität anderer angewiesen war. „Solche persönlichen Erfahrungen helfen, die Geflüchteten, die verstärkt ab 2015 nach Deutschland kommen, aus einem anderen Blickwinkel zu sehen“, sagt Bley. Nadja Körner, Anna Bley und Laura Kleb vom AWO Landesverband Thüringen. Neben Projekten mit Leuten vor Ort gehört es zu Bleys Aufgaben, auch in die Verbandstrukturen hineinzuwirken. Das bedeutet: Mitarbeitende zu Themen wie Rassismus, Gleichbehandlung und Vielfalt zu sensibilisieren und ihr Handeln mit den Werten der AWO abzugleichen. Auf die Einrichtungen der AWO allgemein bezogen zählt dazu beispielsweise das Selbstverständnis, dass Muslim*innen schweinefleischfreies Essen serviert bekommen – und zwar vom Kindergarten bis zum Altenheim.

Um sich das Wissen und das Handwerkszeug für ihre Tätigkeit anzueignen, hat Bley am Programm „ZukunftsChancen“ vom AWO Landesverband Thüringen e.V. teilgenommen. Das Programm wird vom Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ gefördert und will vor allem hauptamtliche Angestellte zu Multiplikator*innen und Berater*innen ausbilden, die sich präventiv gegen Rechtsextremismus und menschenfeindliche Einstellungen einsetzen. Damit schaffen sie Bedingungen für ein gleichwertiges und gewaltfreies Zusammenleben. „Solche Programme sind für Verbände sehr wichtig, um diese Querschnittsthemen mit der täglichen Arbeit zu verknüpfen“, sagt Nadja Körner. „Nebenbei macht sich das nicht.“ Körner ist 38 Jahre alt, hat soziale Arbeit studiert und leitet das Projekt „ZukunftsChancen“ seit drei Jahren von Erfurt aus.

Nebenbei macht sich das nicht
„Thüringen ist zum Eventland für Nazis geworden“, sagt sie. Die AfD in Thüringen sei auch durch den Zuzug von Nazigrößen aus den alten Bundesländern so stark geworden. Darüber hinaus hätten es die günstigen Immobilienpreise im ländlichen Raum der Szene leicht gemacht, Strukturen wie Versandhandel, Neonazi-Festivals und Rechtsrock-Konzerte zu etablieren. Ein Problem, das sich besonders in kleinen Orten zeigt: Bei rechten Veranstaltungen sind eben auch mal Schulfreund*innen oder Nachbar*innen unter den Teilnehmenden. „Viele Leute finden das nicht gut, aber sagen nichts, weil sie nicht wissen was oder vielleicht sogar Bedenken oder Angst vor Reaktionen haben“, sagt Körner. Auch bei der Arbeiterwohlfahrt gebe es da Nachholbedarf. „ZukunftsChancen“ soll dabei helfen, die Haltung zu stärken und Handlungsoptionen zu erarbeiten – bei Mitarbeitenden ebenso wie bei Leitungen. „Wir kriegen natürlich mit, dass viele bei menschenverachtenden Äußerungen von Kolleg*innen reagieren wollen, doch viele nicht wissen wie, weil zu wenig Konfliktfähigkeit besteht“, erzählt Nadja Körner. Die Multiplikator*innen können Mitarbeitende mit Beratung und Argumentationstrainings unterstützen, um sie zu stärken und besser auf derartige Situationen vorzubereiten.

Wenn jemand mit einem dem Leitbild der AWO massiv zuwiderstehenden Handeln auffällt, dann gehört es allerdings auch zu den Aufgaben der Multiplikator*innen, diesen nachzugehen. „Solche Äußerungen kann man nicht aussitzen“, sagt Körner. Es brauche eine ständige Auseinandersetzung mit der eigenen professionellen Haltung. Werden solche Äußerungen bekannt, sollen sich die Multiplikator*innen einschalten und herausfinden, ob der bzw. die Mitarbeiter*in sich mit den Werten der AWO grundsätzlich identifiziert.

AWO Gegen Rassismus
AWO Gegen Rassismus
Kleine Fonds für Beteiligungsprojekte
Ein großer Teil der Arbeit von Multiplikator*innen wie Anna Bley ist daher Aufklärung, Weiterbildung und regelmäßiger Austausch mit Kolleg*innen und den Menschen vor Ort. Das kann auch in Form von Veranstaltungen
stattfinden, für die Menschen in Friedrichsroda und andernorts beim Projekt bis zu 500 Euro beantragen können. Die Fördermöglichkeit soll auch Raum zum Ausprobieren geben und mit einem niedrigschwelligen Angebot die Scheu vor dem Anträgeschreiben abbauen. Die Bandbreite ist groß: Es kann eine Diskussionsrunde mit dem Bürgermeister sein, um über Ängste und Wünsche zu sprechen; es kann ein Quartiersplausch sein, der den Teilnehmenden vermittelt, dass sie etwas mitgestalten können, oder auch ein Kochevent zum Thema Vielfalt, wie es Anna Bley gemeinsam mit einer Jugendsozialarbeiterin organisiert hat. Alte und junge Menschen verschiedener Länder kamen da zusammen, um in gemischten Gruppen gemeinsam zu schnippeln, zu kneten und immer wieder zu probieren. Trotz gleicher Zutaten schmeckte das Ergebnis von jeder Gruppe anders.

Die Veranstaltungen sind immer auch eine gute Gelegenheit, mit Leuten in Kontakt zu kommen, die etwas anschieben wollen. Denn Menschen für ein Ehrenamt zu finden, werde schwieriger. „Es ist heute nicht mehr so selbstverständlich wie früher, dass man als Kind bei den „Pfadfindern“ ist und später als Jugendleiter*in Freizeiten begleitet“, sagt Körner. „Es ist punktueller geworden, aber es gibt da auch scheinbar so ein Gen“, sagt Körner und lacht. „Die, die es haben, sind in fünf Vereinen gleichzeitig.“ Solche Menschen gelte es für Themen wie Demokratieförderung und Vielfalt zu aktivieren. Anna Bley hat diesbezüglich schon einiges erreicht – und das, obwohl sie nicht in Friedrichroda wohnt und daher behutsam vorgehen musste. „Ich darf und will nicht als die Neue rüberkommen, die alles revolutioniert“, sagt sie. Sie weiß, dass sie Verbündete braucht und hat sich mit ihrer freundlichen, klaren Art ein Netzwerk mit rund 30 Akteur*innen aufgebaut. Hierin ist der Bürgermeister genauso vertreten wie Mitglieder aus dem Jugendclub, der Freiwilligen Feuerwehr und den Sportvereinen. Mit ihnen plant sie gemeinsame Veranstaltungen und sensibilisiert so auch neue Gruppen dafür, wie sich Rassismus im Alltag zeigt und was Demokratie im Kleinen heißen kann.

Tag gegen Rassismus in Friedrichroda
Tag gegen Rassismus in Friedrichroda
Unterstützen, eigene Positionen zu entwickeln
Wie auffällig man Flagge zeige, entscheide letztendlich jede*r selbst. So bleibt es auch den Einrichtungen überlassen, ob sie beispielsweise eines der Plakate mit einem Aufdruck „AWO gegen Rassismus“ ins Fenster hängen. Wenn der Kindergarten in manchen Orten in Thüringen so ein Plakat aufhängt, müsse vorher überlegt werden, was passieren kann. Die Mitarbeitenden sollten wissen, wie sie reagieren, wenn Widerstände von Eltern kommen. In solchen Situationen können Multiplikator*innen wie Bley bei der Positionierung unterstützend zur Seite stehen. Statt zu etwas zu raten, hat Bley gelernt, anhand von Fragen beim Reflektieren zu helfen. „Es ist wichtig, die Leute nicht zu überfordern, sondern zu schauen, was für die Menschen vor Ort passt, um Stück für Stück mit der Vision weiterzukommen“, sagt Körner.

Anna Bley schätzt es sehr, dass es eine Stelle gibt, an die sie sich auch nach der Weiterbildung wenden kann, um selbst auch weitere Impulse und Kontakte zu bekommen. Alle sechs bis acht Wochen gibt es Treffen mit anderen Multiplikator*innen des AWO Landesverbands Thüringen e.V. Eine gute Möglichkeit, das Netzwerk zu vergrößern, sind auch die Foren für Berater*innen in Thüringen vom Bundesprogramm „Zusammenhalt durch
Teilhabe“, wo Multiplikator*innen von anderen Verbänden und Vereinen wie Naturfreunde, Parität, Heimatbund, Diakonie, Sport und Feuerwehr zusammenkommen. Oft kannte man sich bereits flüchtig – durch die Treffen ergeben sich dann gemeinsame Projekte.

Vertrauensaufbau braucht Zeit
Von Vorteil sei, dass die Förderung des Projekts „ZukunftsChancen“ in Perioden von drei Jahren laufe und nicht, wie sonst oft, maximal zwei. Das spare viel bürokratischen Aufwand und damit Zeit, in der man inhaltlich weiter arbeiten könne. „Wir hoffen natürlich, dass das Programm verstetigt wird, um angefangene Prozesse weiterführen zu können“, sagt Körner. Denn eine große Organisation zu durchdringen, das braucht Zeit. Wertvoll sei auch, dass es einen Auftrag von außen gibt, auf den sich das Projekt berufen kann. Dadurch werde man innerhalb des Verbands anders wahrgenommen.

Schwierigkeiten gab es mit dem anfänglichen Slogan des Programms: „Rechts geht’s lang? Nicht mit der AWO!“. Bei vielen löste das eine Abwehrreaktion aus, nach dem Motto: Bei uns gibt es kein Problem mit Rechten. „Es ist mittlerweile auch inhaltlich nicht mehr passend, weil sich das Projekt auf eine Gesellschaft des Miteinanders bezieht und niedrigschwellig bei der eigenen Haltung ansetzen soll“, sagt Körner. „Man muss ein gemächliches Tempo einschlagen, wenn man Vertrauen aufbauen will“, hat Körner gelernt. „Für manche Dinge braucht es Geduld, für andere aber auch ein bisschen Druck.“ Ihre Arbeit bleibt eine Gratwanderung.

Der Artikel ist in der neuen Broschüre des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) erschienen, die Sie hier herunterladen können.